Jacky hat sicherlich recht, wenn sie auf das Universale verweist, das für einen Bestseller notwendig ist. Nach klassischer Meinung muss sich bei einem gut zu verkaufenden Stoff um Themen handeln, die möglichst viele Menschen interessieren.
Universal ist z.B. ein Haustier (alle lieben Haustiere) oder Sex (wir alle fxxxxx mal) oder der Tod (wir alle müssen einmal sterben) oder eine Liebelei (macht jeder mal durch...).
So wurde beispielweise in dem ca. 2000 in Berlin produzierten amerikanischen Film "Enemy at the Gates - Stalingrad" eine Liebesgeschichte eingebaut, damit sich eine möglichst große Masse an Zuschauern mit dem "Helden" identifizieren kann. Im Endschnitt entfernte der Regisseur dann auch viele äußerst aufwändige Massenszene zugunsten des billig-kitschigen Subplots.
Die Sache ging schief, der Film floppte trotz des bis dato größten Produktionsbudgets eines in Europa produzierten Films.
Nichtsdestotrotz: Bei den TV- und Filmredaktionen haben sich inzwischen die amerikanischen Drehbuchschule a la Sid Field durchgesetzt. Bei so gut wie jeder historischen Großproduktion deutscher Fernsehsender wird eine möglichst platte (also massenkompatible) Teenie-Liebesschichte eingebaut. Es ist einfach Standard geworden bei den Lektoren. Beispiel sind TV-Großproduktionen Filme über die Berliner Mauer, die Luftbrücke oder kürzlich "Der Bibelcode" auf ProSieben mit Cosma Shiva Hagen als Dumpfbacke in der Hauptrolle.
Dass die Filme dann floppen, spielt nicht unbedingt eine Rolle. Es ist in den Köpfen der Drehbuch-Redaktionen einfach zu fest verankert.
Wirkliche Buch-Bestseller, die auch verfilmt wurden, wie z.B. "Im Namen der Rose" oder "Herr der Ringe" oder "Der Regenmacher" entstehen jedoch m.E. dann, wenn ein ganz neues Thema aufgegriffen wird.
Dabei kann es sich ruhig um Variationen zu universalen Themen wie z.B. Sex handeln. Beispiele wären hier "Wolke 9" von Andreas Dresen (Sex im Alter) oder "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche (Sex tabulos weiblich) oder "Das Parfum" von Patrick Süskind (Sex und Geruchssinn) oder "Die Vorleser" (Sex mit Nazifrau) von Bernhard Schlink, vor kurzem hier in Görlitz mit Kate Winslet abgedreht.
All diesen Beispielen ist gemein, dass sie ein universales Thema (hier: dem Sex) aus einer gänzlich neues Perspektive beschreiben.
Damit aus dem Buch ein Bestseller wird, muss es natürlich auf einen "gnädigen" Lektor stoßen. Und so etwas ist natürlich Glückssache.
Die goldenen Nachkriegszeiten, als Günter Grass anfang der 60er Jahre einer Gruppe von Schriftstellern und Verlegern aus Entwürfen seiner "Blechtrommel" vorlas, woraufhin einer dann mit dem Hut herumging und bei den Anwesenden so viel Geld einsammelte, dass Grass ein gutes weiteres Jahr ohne irgendwelche Verpflichtungen am Manuskript arbeiten konnte, sind vorbei.
Heutzutage steht jeder deutsche Roman sofort in Konkurrenz mit Reprints aus dem englischsprachigen Bereich. Wozu sollte ein Verlag das Risiko auf sich nehmen, einen noch unbekannten deutschsprachigen Autor herauszubringen, wenn er statt dessen die Rechte an einem bereits in England und den USA erfolgreich verkauften Buch erwerben kann?
Das System der Agenten, denen man so lange Manuskripte schickt, bis sie endlich anbeißen und fortan lange geduldig mit dem Autor am Werk arbeiten, hat Stephen King in "Das Leben und das Schreiben" eindrucksvoll geschildert.
Doch solch ein System gibt es nicht in Deutschland. Die wenigen existierenden Agenten importieren hauptsächlich Bücher aus den USA bzw. verlangen von hiesigen Autoren sofort ein perfektes Werk, dessen Bestsellerreife sie auf den ersten 5 Seiten erkennen können. Zudem haben die Verlage in den letzten Jahren Lektorenstellen in erheblichem Maße abgebaut, sodass die verbliebenen Mitarbeiter extrem überlastet sind, hypernervös und neurotisch, wohl kaum mehr als eine halbe Seite lesen können.
Die Zeit der engagierten Lektoren ist vorbei. Ein Bekannter arbeitet ein Jahrzehnt im Drehbuch-Lektorat einer sehr großen Münchner Filmfirma. Es war frustrierend: Hunderte von Drehbüchern las er, und wenn er einmal eines der Geschäftsführung vorschlug, wurde das ignoriert. Das "Universale" (siehe ganz oben) a la Dumpfbacken-Liebesschmonzette mit Papstrettung hatte Vorrang.
Was also tun? Sich den wichtigen Verlagsvertretern an den Hals schmeißen wie Corinna Harfouch, der bei der TV-Übertragung eines Deutschen Filmspreises der Versprecher "Und ich danke Produzent Eichinger, der mir DAS BETT bereitet hat" unterlief? Vielleicht tragen solche Affairen ja nicht nur bei den Schauspielern, sondern auch bei den Autoren zum Karrieresprung bei?
Solche Strategien sind allerdings stark risikobehaftet. Einerseits muss man/frau wirklich mit dem/der Richtigen ins Bett gehen - und nicht jeder "wichtige" Produzent oder Verleger ist es wirklich. Und andererseits kommt es letztlich dann doch wieder auf die Qualität des Manuskripts an.
Somit landen wir wieder beim Anfang - oder? Nicht ganz, denke ich.
Wichtig für das Schreiben eines Bestsellers ist m.E. die Disziplin, der Glaube an sich selbst, das wohlwollende Interesse guter Freunde sowie der Mut, jenseits des wichtigen Handwerkszeugs ein Thema, das einem derart auf der Seele brennt, dass man die nötige Leidensfänigkeit hat, es wirklich zu Papier zu bringen, und zwar in einer Art und Weise, die auch andere Menschen anspricht.
Mit jenen anderen Menschen ist ein Kreis gemeint, der über Oma, Opa und die Nachbarn im Dorf bzw. die Kumpels am Stammtisch hinausgeht. Viele Menschen denken, ihrer eigene Lebensgeschichte wäre doch höchst interessant. Doch wenn man nicht gerade Adolf Hitler oder Mahatma Gandhi heißt, sollte man bzgl. der Bestsellerchancen vorsichtig sein.
Schreibgruppen oder Internetforen können sicherlich helfen, die Isolation der Schreibtischarbeit zu durchbrechen. Ob sie jedoch wirklich helfen, einen Bestseller zu schreiben?
Eine Bekannte in München gründete vor Jahren eine Schreibgruppe, an der "wichtige" Lektorinnen teilnehmen. Sie hat stets das letzte Wort, kann sich ungeheuer altklug darstellen, hat ein absolut marktkompatibles Autorinnengehabe, dreht sich jedoch seit Jahren erfolglos mit ihrem Romanprojekt im Kreise. Das einzige Buch, das sie jemals herausbrachte, ist ein medizinisches Sachbuch zur Altenpflege, bei dem der Verlag ihr via strenge Lektorin 99propzentige Vorgaben machte, die sie dann nur noch abarbeiten mussten. Inzwischen, so habe ich den Eindruck, ist die Leitung ihrer Schreibgruppe zum Selbstzweck geworden, Ersatz für den felhlenden Erfolg als Belletristik-Schriftstellerin
Auch bei Internetforen bin ich skeptisch. Es gibt eine fatale Eigendynamik den Cyberspace-Biotops: Man dreht sich gemeinsam im Kreise, lenkt sich gegenseitig vom Thema ab und gibt sich der Illusion hin, man wäre Schriftsteller gedruckter Bücher, wenn man im Internet über ungedruckte Bücher bloggt.
Ein Schriftsteller ist ein Schriftsteller, wenn seine Bücher verkauft werden, sagen die Amis ganz krass-konkret.
Allerdings: Da es hier in Deutschland keine den USA entsprechende Agenten-Kultur gibt, sind Schreibgruppen und Internetforen für Schriftsteller unbedingt notwendig, um nicht vollends im luftleeren Raums zu arbeiten!
Was also tun? Ich denke, man sollte tief aus der Seele schreiben, alles hineingeben, was man der Welt zu sagen hat, und das mit kühlen Kopf.
- oder was meint ihr???
jghh