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Dieser Blog soll als Ergänzung zu http://www.texte-jon.de dienen. Einige Themen rund ums Schreiben habe ich dort schon angerissen, anderes will ich hier ergänzen. In der Regel wird es um Aspekte gehen, die während meiner Lektoratsarbeit (auch hier) anfallen.
Außerdem erlaube ich mir, an dieser Stelle ab und an auch von anderen Dingen, die für Schriftsteller interessant sein könnten, zu reden. Oder von meinen Büchern. Oder fremden Werken.
Ojinaa
 
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Kleinvieh macht auch Mist

Permanenter Linkvon Ojinaa am 04.11.2015, 09:52

Christoph Kuhn, so lese ich gerade, stolpert über das schwindende „ja“. „Genau“, „okay“ oder andere Formulierungen werden stattdessen als Antwort verwendet. Vielleicht, weil das simple „ja“ zu spießig ist, argwöhnt er. Mag sein.
In der gleichen Kolumne stellt er auch fest, dass auf „Verzeihung!“ immer seltener mit „Bitte.“ geantwortet wird. Stattdessen wird „Dafür nicht.“ oder „Kein Problem.“ oder „Nichts passiert.“ gesagt.
Nun stimmt es, dass „genau“ eigentlich etwas anderes als „ja“ bedeutet und in diesem Sinne eine falsche Ersetzung ist. Bei der Antwort auf „Verzeihung!“ – so schon eine Abkürzung von „Bitte verzeihen Sie (mir)!“ – ist es aber tatsächlich ein Unterschied, ob man die Bitte gewährt oder ob man kundtut, dass man keinen Grund dafür sieht, dass der andere sich entschuldigen müsste.
Allerdings – und das ist wohl das eigentliche „Problem“, das Kuhn mit diesen Ersetzungen hat – benutzen die allerwenigsten Leute diese Alternativen im Bewusstsein der sich dadurch ändernden Aussage. So etwas passiert im Alltag oft. Ein gewisser Herdentrieb macht sich da bemerkbar: Man präsentiert sich als zugehörig und (in Sachen Umgangsformen) gut informiert. Das ist nachvollziehbar.
Nur: Je weniger Leute mittrotten, desto stabiler bleibt die Sprache, desto weniger gerät sie in Gefahr, ihre Funktionsfähigkeit an Modetrends zu verlieren. Sicher: Am ersetzten „ja“ oder „bitte“ oder anderen Einzelerscheinungen wird sie nicht gleich zerbrechen – in der Summe aber entwickeln solche anscheinenden Modetrends durchaus eine merkbare Wirkung.


Übrigens: Christof Kuhns Kolumnen zur Alltags- und Mediensprache sollen ab November als Buch im WartburgVerlag Weimar (https://www.wartburgverlag.net/) erhältlich sein. Hab ich gelesen.
Zuletzt geändert von Ojinaa am 11.11.2015, 15:47, insgesamt 1-mal geändert.

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Blogkommentare

Re: Kleinvieh macht auch Mist

Permanenter Linkvon AlexB am 04.11.2015, 16:43

Der Mensch benutzt Floskeln vermutlich schon seitdem es entwickelte Sprachen gibt. Floskeln sind Modeerscheinungen, werden gedankenlos, dem Herdentrieb folgend, verwendet. Selten ist sich der Benutzer der "eigentlichen" oder ursprünglichen Bedeutung der verwendeten Wörter bewusst.
Manche dieser Floskeln kommen und gehen, sind nur eine Mode. Andere kommen und bleiben, verändern sich und irgendwann werden sie mit ihrer neuen Bedeutung zur Standardsprache. Ebenso verschiebt sich auch die Bedeutung mancher scheinbar klar definierten Begriffe mit der Zeit.

Nur ist dies weder gut noch schlecht. Es IST einfach so.

Wenn ich heute in der Sprache der Bücher meiner Kindheit schreibe, und darunter war auch so manches Werk von vor 60 Jahren, dann setzt der Lektor an vielen Stellen ein "altmodisch" daneben.
Schreibe ich hingegen in der Sprache der letzten zwanzig Jahre, so ist alles wunderbar.
Aber wenn ich dann frecherweise in der Sprache der heutigen Zeit schreibe, dann ernte ich ein "ugs." als Vermerk.

Mir ist auch klar, dass aus vielen dieser ugs.-vermerkten Stellen niemals Standardsprache werden wird, aber aus einigen schon.

Sprache lebt und entwickelt sich. Stabilität ist nur eine Illusion des kleinen Zeitfensters. Funktionalität hat sie noch nie wirklich verloren. Aber die Art, wie sie funktioniert, ist ständig im Fluss.
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Re: Kleinvieh macht auch Mist

Permanenter Linkvon Ojinaa am 11.11.2015, 15:57

Du hast natürlich recht: Moden, Sprachveränderungen und dass die meisten Menschen Sprache „einfach benutzen“ ist nicht neu und wird auch immer so bleiben. Trotzdem werde ich immer wieder versuchen, Bewusstsein für Sprache zu wecken. Denn die Änderungsrate ist – wegen der modernen Medien – wohl so groß wie nie und immer öfter sehe ich, wie Moden die Funktionsfähigkeit unserer Sprache beeinträchtigen.
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